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Die Unterhaltungsclowns

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Der spektakuläre Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund und die darauffolgende direkte Neuansetzung der Partie gegen den AS Monaco ist ein günstiger Zeitpunkt, über den modernen Profifußball kritisch zu reflektieren.


11. April 2017, 19.15 Uhr.

Das gesamte Team von Borussia Dortmund befindet sich auf dem Weg vom Mannschaftshotel „L’Arrivée“ in den Signal Iduna Park. Dort ist für 20.45 Uhr das Hinspiel des UEFA Champions League Viertelfinals gegen den AS Monaco angesetzt. Ein Spiel, zu dem es an diesem Abend nicht kommen soll.
Als der Mannschaftsbus die Wittbräucker Straße passiert, explodieren am Straßenrand drei Sprengsätze, die mit Metallstiften gespickt sind. Marc Bartra wird durch Glassplitter am Arm verletzt und muss später operiert werden. Ein Polizist, der den Mannschaftsbus auf einem Motorrad begleitet, erleidet ein Knalltrauma. Als die Explosion später genauer rekonstruiert wird, wird schnell klar, dass die relativ glimpflichen Folgen lediglich auf die strategisch ungünstige Platzierung der Sprengkörper und Glück zurückzuführen sind. Als später Metallstifte in einem Bussitz und einer Hauswand steckend gefunden werden, wird wohl selbst dem abwesenden Marco Reus klar, dass hier Verheerendes hätte passieren können.

Das Spiel wird abgesagt, wohl auch aus der Angst heraus, dass es sich um einen terroristischen Anschlag gehandelt haben könnte, der den jüngsten Erfahrungen nach oft an mehreren Orten zeitgleich geplant sind. Niemand, inklusive der Fans, die sich bereits im Stadion befinden, hat gegen diese Entscheidung etwas einzuwenden.

Was dann folgt, ist eine Entscheidung, die wohl an Sinnbildlichkeit für den modernen Profifußball nicht zu übertreffen ist. Kaum mehr als eine Stunde nach dem Anschlag entscheidet die UEFA nach kurzer Beratung mit Vertretern beider Vereine sowie dem örtlichen Sicherheitspersonal, das Spiel schon am darauffolgenden Tag neu anzusetzen.
Zu diesem Zeitpunkt ist es völlig unklar, wer hinter dem Anschlag steckt, was die Motive waren, oder ob sich die Mannschaft Borussia Dortmunds noch in unmittelbarer Gefahr befindet.

 

Mensch oder Konsum?

Die Reaktionen, die aus und außerhalb der Fußballwelt folgten, lassen sich grob in zwei Lager einteilen. Auf der einen Seite die Kritiker, die an die Menschlichkeit appellieren und den Spielern Zeit geben wollen, sich von dem belastenden Ereignis zu erholen. Auch die Frage, ob Spieler unter diesen Umständen ihre Bestleistung abrufen können, wird aufgeworfen.
Dieser Fraktion gehören die meisten Spieler Borussia Dortmunds an, angeführt von einem aufgebrachten Trainer Thomas Tuchel. Tuchel äußert sich auf der Pressekonferenz nach der Heimniederlage gegen AS Monaco wie folgt:

„Wir waren in die Entscheidung [über die Neuansetzung am Folgetag] überhaupt nicht eingebunden. Das hat die UEFA in der Schweiz entschieden. Das ist kein gutes Gefühl, es war ein Gefühl der Ohnmacht. Die Termine werden vorgegeben und wir haben zu funktionieren.“

 

Das zweite Lager mutet weitaus zynischer an. Das offensichtlich vorgeschobene Argument des Dortmunder Geschäftsführers Hans-Joachim Watzke, sich nicht von Terroristen herumschubsen lassen zu wollen, verschleiert die eigentliche, kontroversere Botschaft: Die Rolle der Spieler in einer milliardenschweren Unterhaltungsindustrie ist es, unter enormen Druck Fußball zu spielen. Dafür erhalten sie jährlich Millionen. Einkalkuliert in die Budgetplanung eines Vereins wie Borussia Dortmund sind gelegentliche physische Verletzungen der Spieler. Nicht eingeplant sind psychisch belastende Anschläge auf den Mannschaftsbus, die das gesamte Team davon abhalten, aufzulaufen. Das weiß Watzke. Wenn der Terminkalender es nicht anders zugelassen hätte und der absehbare Imageschaden nicht immens gewesen wäre, hätte er die Spieler wohl am gleichen Tag aufs Feld geschickt.

Watzke und seine Kollegen bei der UEFA nun als kapitalistische Unmenschen zu verteufeln ist allerdings fehlgeleitet und in etwa vergleichbar mit der Kritik am (noch-) US-Präsidenten Donald Trump: Sie zielt auf ein Symptom ab, ohne die Ursachen zu diskutieren. Während in Abwesenheit Trumps früher oder später ein anderer orangefarbener Kobold die tief gespaltene amerikanische Gesellschaft als Sprungbrett an die Macht genutzt hätte, so ist auch Watzke lediglich die Spitze eines komplexen Eisberges.

Zum einen ist es schwierig, das Konstrukt „professioneller Fußball“ umfassend in die Gesellschaft einzuordnen. Dies ist aber nötig, um überhaupt erst einmal zu erklären, wie aus einem Sportverein ein an der Börse gehandeltes Großunternehmen werden kann, das jährlich hunderte Millionen Euro umsetzt. Und bei welchem ein einziges Spiel eine solche finanzielle Tragweite entwickelt, dass Spieler trotz eines Anschlags auf ihr Leben keine 24 Stunden später wieder auflaufen müssen. Wie kann Fußball einen solchen gesellschaftlichen Stellenwert erhalten? Denn letztlich kann man eine marktbasierte Wirtschaft auf vielen Ebenen kritisieren, doch das Grundkonzept ist ehrlich: Preise werden über Angebot und Nachfrage bestimmt. Fußballer würden keine Millionengehälter dafür erhalten, einem Ball hinterherzurennen, wenn nicht Millionen Menschen ihnen dabei, zum Teil fanatisch, zusehen würden.

 

Die zweite Frage ist, wie viel der jedem menschlichen Wesen innewohnenden Eigenschaften sich über Geld ausgleichen lassen. Es stimmt zwar, dass die Gehälter von Fußballern zum Teil auch deshalb so hoch sind, weil sie die ultimativen Unterhaltungsclowns darstellen: Sie müssen konstant unter Beobachtung von Millionen Menschen funktionieren. Auf der anderen Seite sind die Grenzen unklar definiert: Ist ein Anschlag auf das eigene Leben noch Teil des „Drucks“, mit dem Fußballer umgehen müssen? Wenn der Dortmunder Torwart Roman Bürki angibt, in der Nacht nach dem Anschlag (also vor dem Spiel) kein Auge zugetan zu haben und entsprechend eine schlechtere Leistung zeigt, fällt dies das dann unter nicht zurechtfertigende Schwäche, für dessen Unterdrückung er eigentlich finanziell kompensiert wird?

Auch die gesellschaftliche Ambivalenz gegenüber physischen und psychischen Schäden lässt sich an den Explosionen des 11. Aprils gut festmachen: Physische Verletzungen, die das direkte Funktionieren in unserer Gesellschaft (beziehungsweise in einer Fußballmannschaft) beeinträchtigen, berechtigen zum Aussetzen. So forderten wohl die Wenigsten einen Einsatz des am Arm verletzten Marc Bartras für das Spiel am folgenden Tag. Auf der anderen Seite bekam Bürki, der im Bus zusehen musste, wie Bartras Arm von Glassplittern durchsetzt wurde und der nur knapp von einem lebensgefährlichen Metallstab verfehlt wurde, keine Auszeit. Das Interesse an seinen erlittenen psychischen Schäden ist gering. Sollte er diese zu sehr zur Schau stellen, würde ihm schnell mentale Schwäche attestiert, die in unserer Gesellschaft – und vor allem unter Hochverdienern – ungern gesehen wird.

Der Umstand, dass sich die Spieler Borussia Dortmunds überrascht zeigten, so früh wieder auflaufen zu müssen, belegt auch, dass nur wenigen von ihnen bewusst ist, was eine Karriere im Profifußball bedeutet. Das Wort Unterhaltungsclown dürfte kaum in den Millionenverträgen stehen, die den Spielern in einem Alter vorgelegt werden, in dem sie in vielen Ländern dieser Welt noch kein Bier bestellen dürften.

Die Entscheidung Watzkes, die Spieler direkt nach dem Anschlag auflaufen zu lassen, ist eine komplexe Folge eines gesellschaftlichen Systems, das im Bereich Fußball verstärkt sichtbar wird. Und in bestimmten Situationen ad absurdum geführt wird.
Es wäre wünschenswert, wenn die aufgeworfenen Fragen künftig ihren Weg an die Stammtische finden würden. Denn nur Selbstreflexion kann zum Umdenken führen; und ohne dieses werden weder die Trumps noch die Watzkes langfristig aus ihren Rollen verschwinden.
 

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(BEITRAGSBILD: via Giphy)